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Therapie mit Hypnoseunabhängig informiert, keine Praxis

Alltagstrance beim Lesen und Autofahren

Aktualisiert am 3 Minuten Lesezeit

Sie lesen einen Roman, und plötzlich ist eine Stunde vergangen. Jemand hat Sie zweimal angesprochen, und Sie haben es nicht gehört. Das ist kein Konzentrationsproblem, sondern ein Zustand, den Hypnoseforscher sehr genau kennen.

Fachleute sprechen von Absorption: Die Aufmerksamkeit ist so vollständig bei einer Sache, dass der Rest der Welt in den Hintergrund rückt. Dieser Zustand ist alltäglich, und er ähnelt dem, was in einer Hypnosesitzung gezielt hergestellt wird.

Typische Alltagstrancen

Beim Lesen entstehen Bilder, Stimmen und Gefühle allein aus Buchstaben. Gute Bücher lösen echte körperliche Reaktionen aus, Herzklopfen bei einer Verfolgungsjagd oder Tränen bei einem Abschied, obwohl man weiß, dass nichts davon wirklich geschieht. Genau diese Fähigkeit, auf Vorstellungen zu reagieren, nutzt die Hypnotherapie.

Beim Autofahren auf bekannten Strecken übernimmt ein großer Teil des Fahrens eine Art Autopilot. Viele kommen an und können sich an Teile der Strecke nicht erinnern. Man spricht scherzhaft von Autobahnhypnose. Das Phänomen ist gut bekannt und gefährlich, wenn Müdigkeit dazukommt. Pausen sind dann wichtiger als jede Technik.

Beim Musikhören, beim Joggen, beim Stricken oder beim Blick ins Feuer stellt sich ein ähnlicher Zustand ein: wiederkehrende Reize, ein gleichmäßiger Rhythmus, und die Gedanken beginnen zu wandern.

Wer leicht in Bücher oder Filme versinkt, spricht oft auch gut auf Hypnose an. Absorption gilt in der Forschung als eines der Merkmale, die mit Hypnotisierbarkeit zusammenhängen.

Was Lesen und Hypnose gemeinsam haben

Beide arbeiten mit Sprache, die innere Bilder auslöst. Beide brauchen die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht real ist, und beide verändern das Zeitgefühl. Ein Unterschied liegt in der Richtung. Ein Roman lenkt die Vorstellung dorthin, wo der Autor sie haben will. In der Therapie bestimmt die Person in Trance selbst, welche Bilder hilfreich sind, und die Therapeutin begleitet nur.

Alltagstrance bewusst nutzen

Wer weiß, dass er solche Zustände kennt, kann sie gezielt herbeiführen. Ein paar Seiten in einem Buch vor dem Einschlafen helfen vielen mehr als der Blick aufs Handy, weil sie die Gedanken aus dem Tagesgeschehen lösen. Wer am Schreibtisch merkt, dass er sich in Grübeleien verliert, kann die Fähigkeit zur Absorption umlenken: eine Minute lang nur auf den Atem achten, oder auf ein Geräusch im Raum.

Daraus lassen sich kleine Übungen ableiten, wie sie im Beitrag zur Selbsthypnose beschrieben sind. Wer mehr Struktur sucht, findet sie beim autogenen Training oder in Kursen zur Achtsamkeit.

Warum Fachleute darüber sprechen

Für viele Menschen ist es eine Erleichterung zu hören, dass Trance etwas Alltägliches ist. Wer schon einmal beim Lesen die Zeit vergessen hat, weiß ungefähr, wie es sich anfühlt. Viele Therapeutinnen beginnen das Vorgespräch deshalb mit Fragen nach solchen Momenten: Wann vergessen Sie die Zeit? Wobei können Sie abschalten? Die Antworten helfen auch, die Einleitung zu gestalten. Wer beim Musikhören versinkt, dem hilft vielleicht ein rhythmisches Bild. Wer beim Wandern zur Ruhe kommt, stellt sich einen Weg vor.

Lesen als Übung

Lesen selbst kann eine Art Entspannungsübung sein. Studien zum Lesen vor dem Schlafen deuten darauf hin, dass wenige Minuten in einem Buch Stress spürbar senken. Wichtig ist das Medium: Ein gedrucktes Buch oder ein Lesegerät ohne helles Licht lenkt weniger ab als ein Handy, das ständig neue Reize anbietet. Wer abends ein paar Seiten liest, übt ganz nebenbei, die Aufmerksamkeit bei einer Sache zu halten.

Und die Kehrseite?

Dieselbe Fähigkeit kann auch gegen einen arbeiten. Wer sich in Sorgen hineinsteigert, erlebt eine Art negative Trance: Die Aufmerksamkeit kreist um ein Thema, alles andere verschwindet. Ein Teil der Arbeit in der Hypnotherapie bei Angst besteht darin, diesen Mechanismus zu erkennen und umzukehren.